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Interview J. Beebout, Hamburg (Schlachthof) February 18th, 2001


Als ich mit Jason ein Gespräch für nach der Show verabrede, hat der pummlige Sänger schon gut einen sitzen. In seiner sympathischen Art immer freundlich grinsend, verteilt er souverän Bier an alle Freunde und Bekannte, flirtet emsig mit den Mädels im Raum und schenkt sich selber fleißig Jim Beam ein. Der Frontmann genießt allerorten uneingeschränkte Sympathien, die er auch an diesem Abend auf der Bühne wieder ungefiltert auf sich zieht.

WOM: Was war denn das für ein Buch, aus dem Du heute abend auf deutsch zitiert hast?

Jason: Es ist von einer Schriftstellerin aus Berkley, die die deutsche Kultur analysiert hat. Es ist quasi ein ironischer Leitfaden, der interessante Fakten aufdeckt. Wußtest Du zum Beispiel, dass das Wort 'Scheiße' häufiger im Deutschen gebraucht wird als etwa das Wort 'Tomate'? Negative Worte sind tiefer in Eurer Kultur verankert als Begriffe, die Gutes ausdrücken. Diese Tatsachen gewinnen auf Tour in einem relativ fremden Land dann enorm an Bedeutung.

WOM: Ich habe ein ähnliches Buch über die US amerikanische Kultur gelesen! Kennst Du 'Made In America' von Bill Bryson? Der Typ ist durch die Welt gereist und hat verschiedene westliche Kulturphänomene unter die Lupe genommen. Ihr habt in seinem Wälzer dabei auch nicht so gut abgeschnitten. Allein die allgemein bekannte Geschichtslosigkeit und die typisch amerikanische Oberflächlichkeit gaben Stoff für einige Kapitel...

Jason: Ja, als Amerikaner vergißt man solche Charakterschwächen gerne, denn wir sind insgesamt wirklich ein sehr arrogantes Volk mit einem verblendeten Auserwähltheitsgedanken... Aber magst Du nicht noch ein Bier (grinst breit)?

WOM: Jason, wie fandest Du den Auftritt heute abend? Ist es schwieriger für Dich ohne James an der Gitarre?

Jason: Ich bin völlig kaputt, abgespannt und ausgebrannt, am liebsten würde ich alles abbrechen und zurück nach hause fliegen. Aber dies ist mein Job und die Freude der Leute ist so unglaublich, dass ich sie nicht enttäuschen darf. So muß ich halt mein bestes Lächeln aufsetzen und mich durchbeißen...

WOM: James hat an dieser Stelle einfach einen Punkt gesetzt...

Jason: I tell you something: James ist ein fauler Hund, er hat uns an einem Punkt hängen lassen, der für uns sehr schmerzhaft war. Ich kann verstehen, dass er sich um seine Familie kümmern will, aber dieser Ausstieg erfolgte an einem definitiv falschen Zeitpunkt, der es uns nur noch schwerer machte. Wir mußten inmitten zweier Touren umdenken und ein neues Konzept ausdenken. So was war nach all den Jahren sehr unfair. Denn schließlich wollten wir weitermachen...

WOM: Der Erfolg von 'Astray' scheint Euch nochmal Rückenwind und Bestätigung gegeben zu haben.

Jason: Absolut. Du glaubst gar nicht, wie stolz wir auf die Platte sind! Sie drückt alles aus, für das SAMIAM steht. Wir haben uns als Musiker selber bestätigt und sehen, dass unsere Fans sie auch mögen. Damit habe ich alles erreicht, was man mit einem Album erreichen kann.

WOM: Ist es für Euch eigentlich einfacher geworden , seitdem verwandte Bands wie JIMMY EAT WORLD oder die GET UP KIDS für frischen Wind und sogar Chartplazierungen sorgen?

Jason: Um ehrlich zu sein, höre ich diese Musik gar nicht, deshalb kann ich das nicht beurteilen. Ich denke aber, dass wir ein sehr treues Publikum und nur wenige von den neuen, trendigen Kids haben. Ich ziele mit der Musik nicht auf die Charts ab, deshalb orientiere ich mich auch nicht an ihnen.

(Mit der nächsten Frage habe ich mich dann voll in die Nesseln gesetzt, denn ich habe den Text des mir sehr nahe gehenden 'Mexico' schlichtweg falsch beurteilt. Ich hätte in dem Fall auch gleich fragen können, was Jason beim Schreiben von 'Stepson' so für Gefühle hatte...)

WOM: Mein persönlicher Lieblingssong auf der Platte ist 'Mexico', denn er beschreibt fast 1 zu 1 die Gefühle, die ich zu meiner für ein Jahr nach Spanien gegangenen Freundin habe... "And you know that i'll be here when you get home..." Ich bin echt froh, dass ich nicht der einzige Kerl bin, der sowas mitmacht. Basiert der Text auf einer wahren Begebenheit?

Jason: Es ist schön für Dich, wenn er Dir Mut gibt und Du Dich darin wiederfindest. Aber er sagt eigentlich etwas ganz anderes aus. (Er holt tief Luft, nimmt einen Schluck Bier und schaut in der Gegend rum) Meine Frau hat mich total beschissen, deshalb sitze ich hier auch wie ein Häufchen Elend. Sie ist mit den falschen Leuten zusammen gekommen, hat angefangen zu koksen, diese Scheiße, ich hasse dieses Zeug! Jetzt macht sie mit jedem rum und macht sich noch nicht mal die Mühe, es für sich zu behalten. Jeder weiß es. Dann labert sie, ich könnte ihr nix bieten, und meint, das Leben würde nur auf sie warten. Sie macht es sich so einfach und nimmt noch nicht mal auf meine Gefühle Rücksicht. Mexiko steht in diesem Fall für das Land, in dem alles so billig und einfach ist. Du kennst die Leute, die runterfahren und sich mit wenig Geld und dicken Sprüchen eine gute Zeit verschaffen. Sie rennen vor den Problemen zuhause davon...

WOM: Und trotzdem sagst Du, dass Du da sein wirst, wenn sie zurück kommt.

Jason: Ja, aber das ist ein Trugschluß. Sobald ich zurück bin, werden wir uns scheiden lassen. Das ist mir auf der Tour klar geworden. Aber laß uns über etwas anderes reden. Magst Du noch ein Bier?

WOM: Trotz dieser Gedanken und Umstände gehst Du Abend für Abend da raus, spielst Deine Show und beziehst sichtlich Energie aus Deinen Texten. Ist denn Schmerz, Agonie und Melancholie ein Antrieb für Dich?

Jason: SAMIAM ist eine Gruppe, die viel aus dem Wechselspiel von Freud und Leid, von Schwarz und Weiß, Liebe und Ablehnung etc zieht. Wenn wir eine eher deep, down and angry Passage durchspielen, wissen wir, dass kurz später die Wolkendecke auch wieder aufbrechen wird und Platz für Glück machen wird. Das eine kann ohne das andere nicht existieren...

WOM: Eins der Schlüsselwörter in den neuen Songs ist 'they'. Wer sind 'sie' und warum wird es immer an den Stellen textlichen Nachdrucks verwendet?

Jason: 'They' sind die Leute, die Dir im Wege stehen und Dein Leben schwerer gestalten als es normalerweise wäre. Sie laufen Dir vor die Füsse und blockieren Deine Entscheidungen, einfach weil sie neidisch, mit sich selber gelangweilt oder verpeilt sind. Die Welt ist sehr konfus geworden, man weiß nicht mehr, wo man noch hintreten und wem man trauen soll. Alles ist sehr 'Astray'. Aber man muß 'ihnen' klar zeigen, dass man darauf keinen Bock hat! Fuck 'them'!

WOM: Insgesamt scheint 'Astray' einen viel politischeren oder nach Außen hin ratschlägerischen Anstrich zu haben.

Jason: Ja, ich würde uns zwar nicht als primär politisch beschreiben, aber wir interessieren uns doch für unser Umfeld, für gesellschaftliche Veränderungen und soziologische Abläufe. All das Treiben um uns herum findet sich in den Geschichten wieder.

WOM: Hast Du denn von dem erneuten Luftschlag der Amis und Briten gegen den Irak gehört?

Jason: What?? You're kidding! Das kann doch nicht wahr sein, dieses Arschloch! Weißt Du, Bush kam an die Macht und hat schon am ersten Tag das liberale Abtreibungsgesetz abgeschafft! Und so geht es seitdem Tag für Tag weiter. Wir hatten mit ihm und Al Gore keine allzu große Wahl, es sind beide totale Wichser! Und die Grüne Partei um Ralph Nader hatte leider keine große Publizity, um zu gewinnen. Es war quasi so, als wenn SAMIAM und BLINK 182 am selben Tag im selben Ort ein Konzert spielen: viele Leute mögen sicher unsere Musik und unterstützen sie verbal, genauso wie Nader, gehen aber lieber zu BLINK und wählen Bush, weil da nunmal alle hingehen. Hinterher relativieren sie dann alles wieder, vonwegen naja und ach ja...

WOM: Aber ein konservativ regiertes Land neigt doch auch eher zu einem gesunden Untergrund, Widerstand und neuen Ideen in der Kunst. Ich denke nurmal an die Reaktionen, die Bushs Politik nun im Hardcore und Punkrock hervorrufen wird.

Jason: Ach, da glaube ich nicht dran. In meinen Augen hat Musik, und sei sie noch so punkig und progressiv, völlig ihren politischen Anspruch verloren. Auch Bands wie BOY SETS FIRE und AVAIL sind nur ein Marionettentheater und werden niemals etwas Großes bewegen können. Musik kann nur noch vor der eigenen Haustür kehren, jeder der große, revolutionäre Ziele vorgibt, macht sich damit nur unglaubwürdig, denn es ist nicht machbar in unserer Welt. Kleine Liedermacher wie Elliott Smith bewegen da manchmal mehr...

Da die Mädels am Tisch langsam nervös werden und Jason nun auch lieber etwas Zertreuung sucht, brechen wir das Gespräch hier ab. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich der Mensch gerade fühlen muß, denn irgendwie fühle ich mich total scheiße, ihm nicht helfen zu können. Dann tröste ich mich aber mit der Einsicht, dass Whiskey, seine deutschen Girls und eine nette kleine Bar auf der Reeperbahn gerade wohl die beste Hilfe sind. Und der Applaus der Zuschauer auf den anderen Konzerten. Zum Abschied grinst er jedenfalls wieder. Go Sam Go!
 

(steven)


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