Interview Johnny Cruz, Berlin (Knaack) February 17th, 2001
WOM: Um gleich mit der Tür ins Haus zu
fallen: es gab im Vorfeld Gerüchte, Ihr würdet Euch nach der Tour auflösen
wollen, weil Gitarrist und Gründungsmitglied James Brogan nach all den
Jahren kürzlich die Band verlassen hat.
Johnny: Nein, ich weiß nicht, woher Du die Information hast, aber es sind
echt nur fuckin' Gerüchte! Wir planen auf keinen Fall, uns aufzulösen! Im
Gegenteil: wir haben auf der Tour so viel Spaß zusammen, jeder genießt den
Platz auf der Bühne und auch im Bus kann man sich breiter machen als sonst
(lacht)! Sergie genießt es, als alleiniger Gitarrist im Rampenlicht zu
stehen und seine Sounds zu spielen. Ich habe noch nie jemanden gesehen,
der so souverän einen so komplexen Sound mit nur einer Gitarre spielt! Es
war zwar hart, dass James nun andere Sachen macht, wir sind uns unserer
Sache aber sicherer denn je.
WOM: Ist es nicht auch anstrengender für alle, den Ausfall kompensieren zu
müssen?
Johnny: Nicht unbedingt. Wir mußten zwar umdenken und auch einige Songs mögen
nun anders klingen, aber so hat jeder noch mehr Platz zur Entfaltung. Außerdem
bekommt nun jeder auch mehr Geld, wir sind also zufrieden.
WOM: Was macht denn James nun, hat er andere musikalische Projekte?
Johnny: So viel ich weiß, hat er nix Neues am Start. Wir sind auch in
Freundschaft auseinandergegangen. Er will sich mehr um seine Familie kümmern,
zur Ruhe kommen und für seine Tochter da sein. Diese Entscheidung müssen wir
akzeptieren.
WOM: Nächste Frage: wie läuft die Tour so?
Johnny: Bisher waren fast alle Konzerte ausverkauft bzw sehr gut besucht. Wir
werden überall sehr freundlich aufgenommen und haben guten Kontakt mit dem
Publikum. Über die Jahre haben sich Jason und die anderen ja überall auch viele
Freundschaften aufgebaut. So ist man niergendwo alleine, sondern immer unter
Freunden.
WOM: Mit 28 DM an der Abendkasse wird der Fan aber dennoch vor eine harte Probe
gestellt...
Johnny: 28? Woow, das ist eine Menge Geld! Wir kümmern uns aber ehrlich gesagt
nicht um solche Sachen, denn es würde viel mehr Aufwand machen, gegen solche
Entscheidungen vorzugehen, als es letztendlich an Gewinn bringen würde. SAMIAM
sind über den Punkt hinaus, sich überall einmischen zu müssen. Wenn der
Veranstalter der Meinung ist, diesen Eintritt festsetzen zu müssen, dann wird er
seine Gründe haben. Wir können das nicht immer hinterfragen. Letztendlich werden
wir hervorragend aufgenommen und behandelt, das hat vielleicht seinen Preis. An
solchen Diskussionen reibt man sich nur müde. Und letztendlich gibt uns ein
voller Club recht (schaut in die Runde). Wir waren halt noch nie eine recht
politische Band...
WOM: Dennoch eine Frage zur Politik: hast Du gehört, dass die USA zusammen mit
den Briten letzte Nacht wieder Luftangriffe auf Ziele im Irak geflogen haben?
Johnny: What the fuck... Hey, Sean, did you hear that? (allgemeine
Verständigung, denn davon wußten die Jungs noch gar nix) Scheiße, was macht
dieser Mann?! Kaum ist er an der Macht, fängt er an zu schießen, dieses
Arschloch! Ich habe kein Verständnis für diese Politik!
WOM: Letztendlich bewirkt der restrikte Kurs von George W. Bush aber, bitte
versteh mich nicht falsch, dass der Dollar wieder schwächer wird und wir uns
endlich wieder mal einen Urlaub in den Staaten leisten können.
Johnny: Haha, I see what you mean! Ja, vielleicht muß man es aus dieser Sicht
sehen. Letztendlich können wir eh keinen großen Einfluß auf diese Politik
nehmen, denn die angebliche Volksnähe und Demokratie existiert in den USA nur
auf dem Papier. Alles, was wir tun können, ist kleine Interessenverbände zu
gründen und in unserer unmittelbaren Umgebung zu handeln. Politik im Kleinen,
direkt vor der Haustür. Das ist effektiver als gegen diese Regierung kämpfen zu
wollen. Sie ist wie ein unschalgbarer Drachen, Du hast keine Chance.
WOM: Ich stelle einfach mal in den Raum, so sind jedenfalls meine Eindrücke,
dass es Euch im Sonnenstaat Kalifornien noch etwas besser geht als dem Rest des
Landes. Bei Euch herrschen doch quasi eigene Gesetze.
Johnny: Da hast Recht, es ist ziemlich einfach, die Tür zu schließen und die
Scheiße außen vor zu lassen. Kalifornien bietet eine Menge Ablenkung und
Nischen. Wir werden es lange nicht so schwer mit Bush haben wie etwa der
Mittlere Westen.
Dann setzt der kräftige Sound von SOLAREZ ein, Johnny signalisiert mit einem
Daumen, dass er die Berliener cool findet, und wir konzentrieren uns auf die
Bühne...
(steven)
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